Überwinterungspflanzen sind zurück! – das Ärgernis auch

Posted On 1. Mai 2021

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by Beneselvedek

3 Gründe hinter der ganzen Überwinterungs-Problematik

Warum 30 Tage nicht 180 Tage oder noch mehr wett machen können

Die häufigste Anklage an den Gärtner nach der Überwinterung lautet:
Die Pflanze war doch so schön. Nachdem sie beim Gärtner in der “fachmännischen Überwinterung” war, ist sie beinah kaputt gegangen. Geben sie denn kein Wasser? Sind das keine Fachleute?

Analysieren wir diese Aussage mal objektiv:
Die Pflanze war so schön…
Das ist ein relativer Ausdruck. Emotions-behaftet zudem. Ausserdem wissen wir nicht von welchem Zeitraum hier genau die Rede ist. Letzten Sommer? Herbst? Oder gar früher mal?

Halt! Ja, Du hast die Erlaubnis von mir Dich jetzt über mich zu ärgern so viel Du möchtest, solange DU weiterliest. Deal?

Weiter gehts mit der Analyse:
Fachmännische Überwinterung beim Gärtner…
Gärtner sind Fachleute. Keine Zauberer. Pflanzen sind Lebewesen, keine Superlebewesen.
Tod ist natürlich und schwache Pflanzen sind in der “toten” Jahreszeit aka Wintermonaten, besonders gefährdet.
Klingt wie eine Ausrede? Zugegeben. Finde es heraus, indem Du einfach weiterliest.

Geben sie denn kein Wasser?
Aus jahrelanger Erfahrung in Überwinterung, kann ich sagen, dass Wassermangel das letzte Problem ist bei der Überwinterung.
Das Gespräch ist eher beim Gegenteil zu suchen, also dem Wasserüberschuss. Doch auch dies, ist wie wir sehen werden eher selten das Problem.

Wir haben also kurz eine typische emotionale Antwort der Kunden auf die fachmännische Überwinterung analysiert. Es wird hier schon klar, dass die Sache nicht ganz so einfach ist wie etwa:

Sind das denn keine Fachleute!?

Folglich gehen wir ins fachmännische Detail. Und, obwohl ich es so kurz wie möglich halten möchte, ist es einiges..

Was sind also die eigentlichen Gründe hinter solch einer Überwinterungs-Problematik?

Es sind 3 Hauptgründe dafür verantwortlich.

Zustand der Pflanze
Jahreszeit
Standortwechsel

Dann gibt es noch einen vierten Punkt. Mehr dazu zum Schluss. Wer sagt, dass Blog Auflistungs-Artikel immer ungerade Zahlen brauchen um interessant zu sein?

Punkt 1: Zustand der Pflanze

Der Zustand der Pflanze beim eintreffen ins Überwinterungsquartier

Hiermit ist keine emotion oder subjektive Vermutung gemeint, sondern folgendes:

Wüchsigkeit
Blattmasse im vergleich zur Grösse der Pflanze
Substrat
Wurzelgesundheit

Wem dies langsam zu viel wird, dem wird’s wohl langsam dämmern, dass die Problematik komplex ist und der Gärtner womöglich doch nicht so schuldig ist, wie er gern hingestellt wird.

Analysieren wir also folgende Punkte etwas genauer.

Wüchsigkeit

Ja, selbst wenn wir die Pflanze nicht wachsen sehen, können wir als Fachleute auf den ersten Blick sagen, ob eine Pflanze wüchsig ist, oder nicht. Wie?
Internodien-Länge (abstand von Knospe zu Knospe)
Verhältnis des weichen, nicht ausgereiften Pflanzenmaterials im Vergleich zum härteren, letztjährigen Material
Gesundheitszustand: Sind Blätter Nährstoff-technisch genügend versorgt. Sind sie krank?

Blattmasse

Wird häufig gar nicht beachtet. Blätter sind die Powerhäuser jeder Pflanze. Hier wird der Traubenzucker hergestellt. Wenig Blatt gleich wenig Energie. Wenig Energie gleich wenig Wachstum. Wenig Wachstum gleich Anfälligkeit, gegen Schädlinge, Krankheiten UND Umwelteinflüsse (Mikroklima, Saison…)

Substrat

Wenn Blattmasse häufig unbeachtet bleibt, dann ist das Substrat-Problem gänzlich unsichtbar für die meisten. Probier mal in schmerzendem Schuhwerk zu leben über Jahre. Zu grossen, oder zu kleinen Schuhen. Drückende, formtechnisch unpassende Schuhe. Alles was nicht passt, macht früher oder später krank.
Zurück zum Substrat. Ich kann hier nicht gross ausholen, denn dies wäre Material für einen separaten Artikel. Das wichtigste daher in Kürze:
Wenns um die Substratqualität geht, gibts grob gesehen zwei Kategorien von Pflanzen. Die toleranten, wie zum Beispiel Oleander und Hanfpalme und dann gibst die nicht so toleranten. Zum Beispiel Olive und Zitrus Pflanzen. Das ist eine immense Vereinfachung hier. Und ich kann aus Erfahrung sagen, dass selbst diese lächerliche Vereinfachung, falls eingehalten, schon einige Probleme lösen würde. Daran denken viele aber nicht im entferntesten. Und ich rede hier nicht davon, dass man für Zitruspflanzen halt “Zitrus und Palmenerden” kaufen muss.
Gartencenter und Grossverteiler Substrate sind schlicht Bruch. Sie zersetzen sich zu schnell, wegen günstiger organischer Industrie Rohstoffe – oder nennen wir sie doch gleich Abfall Verwertung – welche in diese Substrate gelangen. Das Problem ist dennoch komplexer. Nicht nur die Mischung und die verwendeten Materialien sind entscheidend. Der Substrat Zustand spielt eine zusätzliche Rolle.

Es folgt der letzte wichtige Part dieser Problematik. Die Topfgrösse. Ja zu gross kann genau so problematisch sein, wie zu klein. Ehrlich gesagt ist zu gross gefährlicher als zu klein. Und das führt uns zum kleinen 1×1 des Wässerns. Trockenschäden sind einfacher rückgängig gemacht als Nässeschäden. Grosse Töpfe haben mehr Wasserfassungsvermögen, trocknen daher längere Zeit nicht aus. Sie können, gerade bei schwachen Pflanzen (siehe Punkt Wichtigkeit) so richtig viel Schaden anrichten.

Wurzelgesundheit

Analysieren wir die Wurzel der Problematik. Beginnen wir beim Wurzelhals. Ja, da fängt das Problem nämlich an. Häufig werden gerade Zitrus Pflanzen viel zu tief gepflanzt. 10-20 Zentimeter sind keine Seltenheit. Die pflanzen überleben dies für eine ganze Weile. Aber die kalte Jahreszeit bringt das Problem jedesmal akut zum Vorschein. Stämme sind keine Wurzeln und brauchen die oberirdische Luft, Sonneneinstrahlung und Wind, der sie trocknet. Der Wurzelansatz (Wurzelhals) muss immer sichtbar sein.
Es geht aber noch tiefer. Nämlich zu den unterirdischen Wurzeln.
Hast Du schon mal an einem Stamm gerüttelt und festgestellt, dass dieser sich ganz einfach bewegen lässt?
Schwache Wurzeln. Warum? Falsches Substrat. Was passiert nun? Wasser und Nährstoffe werden nicht ausreichend in die oberirdischen Teile transportiert.
Das ergibt schwache Pflanzen. Diese können keine Energie produzieren (siehe Blattmasse). Damit können sie die Wurzeln im Gegenzug nicht ausreichend damit versorgen. Wir sind wieder bei den schwachen Wurzeln angelegt. Der Kreis schliesst sich.

Punkt 2: Jahreszeit

Dies spaltet sich in 2 Problematiken auf:

Die Überwinterungsmonate
Der Standortwechsel

Die Überwinterungsmonate

Die Überwinterung heisst auch Ruhezeit, weil die Pflanzen in dieser Jahreszeit NICHT wachsen. Das heisst, der “Betrieb” ist auf minimum reduziert. Gleich Überleben.
Dieser Modus hat mit Tageslänge und Temperatur zu tun und hält meist so bis Februar/März an. Bei einigen Pflanzen hält er auch etwas länger an, bis April. Dann beginnt der reguläre Betrieb wieder.

Nun, was passiert in einem aufs minimum reduzierten Betrieb, wenn auf einen Schlag alle möglichen Probleme und Aufträge auf die wenigen vorhandenen Arbeiter eindringen?
Das kann nur schief gehen. Irgendwo wird sich ein grösseres Problem einschleichen. Zu hohe Auslastung. Dann, das Ausbrennen. Potentiell fatale Folgen für den gesamten Betrieb sind denkbar.
Pflanzen funktionieren nicht anders. Und das ist EXAKT, was mit den Überwinterungs-Pflanzen, die mit den oberen Problemen zu kämpfen haben (siehe Zustand, Substrat, Wurzelgesundheit) passiert.

Nun, während den regulären Betriebszeiten, also in der Zeit, wo die Firma voll bemannt und leistungsstark ist, können alle Arten von Problemen und Anfragen bewältigt werden. Und das ist genau was wir bei Pflanzen in den Sommermonaten beobachten können. Sie ERHOLEN sich.

Viele Kunden schreiben das erholen der Pflanzen wahrscheinlich ihrer guten Pflege zu – was sicher zum Teil stimmt. Sie bemängeln dann den Faktor, dass der Gärtner die Pflanzen nicht richtig pflegt, da sie fast gestorben sind, oder katastrophal aussehen, wenn sie aus der Überwinterung zurückkommen.
Was diese Leute aber ausser Acht lassen, ist alles oben erwähnte. Nicht wenig also.

Daraus schliesst sich eine simple Gleichung

Wir können eine Pflanze nicht in den Erholungsmodus bringen während einer Zeit, in der das pflanzliche “Betriebssystem” auf Ruhe Modus geschaltet ist.
Bei bester Pflege nicht. Die Grundvoraussetzungen dazu fehlen ganz einfach.

Die Ruhepause (Oktober – April), Ist dafür da, dass die Pflanze sich auf die neue Saison vorbereitet. Ähnlich wie eine Firma, welche die anstehenden Ziele, Herausforderungen und Situationen fürs neue Geschäfts-Jahr bespricht. Das ist was mit der Pflanze im Winter passiert.

Und genau diese Jahreszeit ist es, in welcher sich der arme Gärtner um die Pflanzen kümmern muss.

Er KANN die Pflege-Fehler, welche womöglich im letzten Sommer, oder Sommern begannen worden sind und zu einer “nicht so fitten Pflanze” (siehe obere Punkte) geführt haben, gar nicht mit richtiger Pflege angehen. Weil die Grundvoraussetzungen dazu, also das “Betriebssystem” für Erholung-Modus, zur gegebenen Jahreszeit schlicht nicht vorhanden ist.

Manch einer würde staunen, wenn er wüsste, was im Monat April noch alles passiert mit den Pflanzen im Gewächshaus des Gärtners. Also im letzten Monat vor den Auslieferungen. Die Pflanzen schalten hier nämlich bereits in den Erholungs-Modus oder Voll-Betrieb um und zeigen dies auch sofort.

Das Problem ist, dass knappe 30 Tage pflege nicht 180 Tage oder mehr an Pflegefehlern wett machen können

Wie weiter oben bereits erwähnt: Gärtner sind keine Zauberer. Falls Du diesen Vergleich in der Einleitung als sehr relativ und aus der Luft gegriffen angeschaut hast, ist dies hier die Erklärung dazu.

Zahlen machen nie subjektive Spekulationen.

Ich wünschte die Problematik wäre hier zu Ende. Es geht nochmals weiter.

Punkt 3: Der Standortwechsel

Pflanzen sind wie Menschen Gewohnheitstiere. Ein Handwerker hat abgehärtete Hände. Er kann den ganzen Tag schaufeln, ohne Wunde Hände am Abend. Probiere dieses Experiment mit einem Büro Menschen aus..

Die Blätter sind die Hände der Pflanzen. Sie bilden diese aus und zwar genau Ihrer Lebenssituation entsprechend. Sonne, Schatten, Wind, Wasser, Höhenlage…Schlicht: jeder einzelne Umwelt und Mikroklima Faktor ist für die “Handanpassung” der Pflanzen zuständig.
Stelle eine Pflanze, die immer im Schatten stand an die Sonne. Du wirst eine rasche Anpassung / Verbrennung der Blätter erfahren.
Das ist nichts schlechtes. Im Grunde sogar notwendig fürs Überleben der Pflanze. Es ist bloss nicht so hilfreich im Zusammenhang mit der Überwinterung. Warum?

Ein Standortwechsel von einem Mikroklima ins nächste, bedingt eine Anpassung der Pflanzen-Hände. Wir sehen das vielleicht nicht ein, aber jede Veränderung bedingt Anpassung. Das bestätigt jedes Lebewesen.

Was passiert also mit den ganzen Händen, welche die Pflanze nun anpassen muss? Zwei Sachen: Anpassen, oder loswerden. Dies entscheidet die Pflanze automatisch und ohne Emotionen. Häufig ist loswerden die energiesparendere – und sogar energiebringende Variante. Da Pflanzen sich gewöhnlich nicht im Spiegel anschauen, ist es ihnen auch so ziemlich egal, wievielt Blätter sie abwerfen. Solange es für den “Betrieb” profitabel ist. Warum nicht anpassen? Weil das Energie braucht und vielfach auch gar keine Option ist. Pflanzen sind Lebewesen. Keine Superlebewesen. Wie weiter oben schon angedeutet.
Ausserdem ist gerade Energie das, was in der Ruhezeit rationiert wird ( siehe Überwinterungsmonate).

Auch unsere Hände verhalten sich ähnlich. Die alte Haut wird abgeworfen und die neue angepasste Haut bildet sich. Der Unterschied ist, dass die Pflanzen damit einfach warten, bis der richtige Zeitpunkt dazu gekommen ist. Nämlich der Frühling. Der Erholungs-Modus Kickstarter.

Wir kommen zum letzten, geheimnisvollen, versteckten Punkt und ich werde es kurz halten, versprochen.

Das liebe Geld. Was kostet Überwinterung? 125.- pro m2 oder 150.-? oder mehr?

Viele zu teuer!!!!!

Ja, das ist exakt was so viele Leute denken. Wie reagieren Gärtner darauf? Sie versuchen Pflanzen so eng, wie es fachmännisch noch vertretbar ist zusammenzustellen und zusammenzubinden, damit sie so wenig m2 wie möglich einnehmen und die Kunden nicht das Gefühl haben, dass sie abgezockt werden.

Wo liegt das Problem denn hier wieder?

Pflanzen sind in dieser Hinsicht nicht anders als alle anderen Lebewesen. Jede einzelne braucht ihren Platz. Eng zusammengepfercht reagiert jedes Lebewesen an einem Gewissen Punkt. Und die Reaktion ist nie positiv. Wenn es bei Menschen Luftmangel und Angstzustände sein können. Sind es bei Pflanzen zu wenig Sonneneinstrahlung und zu hohe Luftfeuchtigkeit.

Bei aller Professionalität. Der Preisdruck ist leider immer am längeren Hebel. Und dieser kommt nicht von der Seite des Gärtners her. Der letzte Punkt sollte lediglich ein Anstoss für die Gedanken sein. Kurz und knackig, wie versprochen.

Fazit

Gib Deinem Gärtner etwas mehr Anerkennung für seine alljährliche “mission impossible” mit Deinen grünen Freunden.

Peace out
Beneselvedek

Written by Beneselvedek

Pampasciuni o Lampascioni - Schopfige Traubenhyazinthe Einmachen

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